Mehr als nur ein Netzwerk? Interview mit der Gruppe soziale Kämpfe und Avanti – Projekt undogmatische Linke zur Interventionistischen Linken (IL)

(veröffentlicht in: SoZ – Sozialistische Zeitung, Juni 2008)

Mehr als nur ein Netzwerk?
Die Interventionistische Linke (IL) versucht, die Zersplitterung der radikalen Linken zu überwinden. Interview mit Susanne und Katharina.

„Die Zweite Offene Arbeitskonferenz ist ein Experiment, die Weiterentwicklung unserer politischen Programmatik und unserer organisatorischen Konstituierung nicht (nur) als internen Prozess anzugehen…“
Vom 25. bis 27.April fand in Marburg eine Konferenz der Interventionistischen Linken statt. Über ein Dutzend linksradikaler lokaler und überregionaler Gruppen mit sehr unterschiedlichen Politikverständnissen und Arbeitsschwerpunkten diskutierten über ihre bundesweite Zusammenarbeit.
Die SoZ sprach mit Susanne von der Gruppe Avanti, Lübeck, und Katharina von der Gruppe Soziale Kämpfe, Berlin.
Avanti ist ein seit 19 Jahren existierendes Organisierungsprojekt in Norddeutschland, das seine Wurzeln in der autonomen Bewegung hat und aus der Kritik an der Unverbindlichkeit, der mangelnden Kontinuität und gesellschaftlichen Verankerung der damaligen Autonomen entstanden ist (www.avanti-projekt.de).
Die Gruppe Soziale Kämpfe ist — über mehrere Zwischenetappen — aus der Antifaschistischen Aktion Berlin hervorgegangen. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Frage, wie die Kämpfe im neoliberalen Kapitalismus über die üblichen ‚Teilbereichsgrenzen‘ (Antira, Gewerkschaften, Antifa…) hinaus konzeptionell und praktisch zu verbinden sind.

SoZ: Die Organisationen, die sich dem bundesweiten Zusammenhang Interventionistische Linke zugehörig fühlen, haben sich Ende April in Marburg getroffen, um nach dem gemeinsamen Auftritt beim G8-Gipfel in Heiligendamm über weitere Schritte zu beraten. Im Mittelpunkt standen dabei Begriffe wie Organisierung, strategische Bündnisse, bundesweite Handlungsfähigkeit. Du, Susanne, bist von der Gruppe Avanti aus Lübeck. Was verbindet ihr mit diesen Begriffen?

Susanne: Wir halten Organisierung für notwendig, weil revolutionäre Gegenmacht eben nicht nur aus spontaner Revolte und Basisbewegungen entstehen kann. Die Widersprüche in der Gesellschaft führen zwar immer wieder zu Auseinandersetzungen auf ganz verschiedenen Ebenen. Aber aus spontanen Ausbrüchen und Aneignungen von Gegenmacht allein entsteht noch keine revolutionäre Perspektive, dafür brauchen wir langfristige kollektive Strukturen, in denen wir uns und unsere Praxis weiterentwickeln und reflektieren. Eben Organisationen, und die sollten perspektivisch besser noch europaweit als nur bundesweit handlungsfähig sein.

Die Montagsdemonstrationen gegen die Einführung Hartz IV im Jahr 2004 sind ein gutes Bespiel dafür, wie schnell und spontan sich die Dynamik von Bewegungen entfalten kann und worin der eigenständige und unersetzbare Wert von Bewegungsprozessen besteht. Aber eben auch, wie sehr der radikalen Linken eine bundesweite revolutionäre Organisation oder zumindest ein überregionaler Organisierungsprozess fehlt. An vielen Orten waren Gruppen und Personen aus unserem Spektrum aktiv an der Bewegung beteiligt. Im weiteren Verlauf aber zeigte sich, wie wenig vorbereitet die radikale Linke war, in solchen spontanen Massenprotesten eine vorantreibende, orientierende und radikalisierende Rolle zu übernehmen. Unterm Strich blieben wir marginal — obwohl da eindeutig was gegangen wäre.

Strategische Bündnisse — ich würde eher sagen strategische Bündnisorientierung als politische Haltung — beziehen wir auf die Art, wie wir mit anderen zusammenarbeiten: Bei einer Intervention in soziale Auseinandersetzungen denken wir die Ziele der Bewegungen mit und versuchen nicht, sie zu dominieren, sondern konstruktiv gemeinsam Protest und Widerstand zu entwickeln. Das ist oft eine Gratwanderung zwischen Dominanz und Opportunismus. Man muss die eigene antagonistische Perspektive in der Kooperation mit anderen gesellschaftlichen Kräften stark machen. Dafür muss das Spannungsfeld zwischen Anschlussfähigkeit und Zuspitzung immer neu analysiert und austariert werden.

Strategische Bündnisorientierung beziehen wir aber nicht nur auf das Verhältnis zu sozialen Bewegungen, sondern auch auf das Verhältnis zu anderen linken Strömungen und Organisationen: Wir haben uns von der Vorstellung verabschiedet, dass es darum geht, die revolutionäre Organisation aufzubauen, die immer das Richtige weiß und bei der irgendwann alle mitmachen. Wir finden es wichtig, dass es verschiedene revolutionäre Strömungen mit ihren jeweiligen Organisationen und Organisationsformen gibt. Aber wenn man politisch das Gleiche will, soll man sich auch verbindlich und zusammen organisieren.

SoZ: Was habt ihr euch von dem Marburger Treffen versprochen?
Susanne: Auf der 2.offenen Arbeitskonferenz in Marburg wurde der IL-Prozess verbreitert. Zum einen nach außen: Neue Leute, die zur interventionistischen Strömung, aber noch nicht zur IL gehören, sollten dazukommen. Aber auch nach innen: Die IL ist in Heiligendamm viel organisierter aufgetreten, als sie es eigentlich ist. Nach den Erfahrungen vom Doppelgipfel in Köln 1999 wollten wir uns der schlechten Wahl verweigern, entweder einflusslos bei NGOs mitzutrotten, oder uns in separaten linksradikalen Veranstaltungen zu isolieren. Dafür brauchten wir bundesweite Handlungsfähigkeit.
In Heiligendamm und vor allem in der Vorbereitung darauf hat die IL nach außen so getan, als wären wir schon eine Organisation. Das gilt im Übrigen auch für Dissent! — wobei der Dissent!-Zusammenhang prinzipiell Organisiertheit und vor allem Repräsentanz mehr als skeptisch gegenübersteht. Diese Organisiertheit der beiden wichtigsten Kräfte der radikalen Linken, war ziemlich entscheidend dafür, dass antagonistische Positionen so deutlich sichtbar waren. Sie hat dazu beigetragen, dass alle Befürchtungen, NGOs oder Parteien würden die Proteste dominieren und domestizieren, letztlich nicht wahr geworden sind.
Aber nach Heiligendamm stellte sich die Frage: War die Simulation einer Organisation ein Vorgriff auf eine kommende Entwicklung oder nur ein Fake?

SoZ: Hat euch der IL-Kongress in dieser Hinsicht einen Schritt vorwärts gebracht?
Susanne: Die offene Arbeitskonferenz war ein Schritt weitergehende Strukturen aufzubauen, die IL zu öffnen und zu verbreitern, personell und organisatorisch, aber auch inhaltlich und politisch. Der Kern der Konferenz waren fünf Arbeitsgruppen: Klima, Krieg, soziale Kämpfe, Antifa und Globale Soziale Rechte. Am Beispiel konkreter gesellschaftlicher Auseinandersetzungen haben wir diskutiert, wie eine interventionistische Politik aussehen kann und wie sich aus diesen Kämpfe eine antagonistische Perspektive entwickeln kann. Das Ziel war, Perspektiven für eine gemeinsame Praxis zu entwickeln, keine umfassende Analyse eines Themas. Marburg war meiner Ansicht nach ein guter Start.
Die G8 Kampagne war in vielen Aspekten halt einfach — viel einfacher als künftige Projekte. Es ist auch einfacher Organisation zu simulieren als aufzubauen. Das hat die Konferenz manchmal zäh und anstrengend gemacht.

SoZ: Du, Katharina, kommst von der Gruppe Soziale Kämpfe Berlin. Was verbindet ihr mit diesen Begriffen und was habt ihr euch von dem Marburger Treffen versprochen?

Katharina (Gruppe Soziale Kämpfe): Wir hatten keine festen Erwartungen an das Marburger Treffen. Wir waren davon ausgegangen, dass es sich um den Versuch handelt, Diskussionen um Politikkonzepte und -vorschläge über Gruppen und Organisationsgrenzen hinweg zu führen und gleichzeitig gemeinsame Aktionsmöglichkeiten auszuloten. Vor allem in unseren derzeitigen Arbeitsbereichen hatten wir uns Verknüpfungen versprochen: einerseits bei der Frage, wie (gewerkschaftliche) Arbeitskämpfe mit linksradikaler Politik zu verbinden wären, und — da wir an der Demonstration anlässlich des 15.Jahrestags der Abschaffung des Asylrechts am 5.Juli in Berlin beteiligt sind — die Verbindung von (konkretem) Antikapitalismus und der Kritik der globalen Arbeitsteilung mit einer Kritik an Rassismus und Migrationsregimen.
Wir waren von der starken Vorstrukturierung der Diskussion etwas überrascht, die nicht viel Gelegenheit für konzeptionelle Diskussionen bot und oft stark auf bereits vorliegende praktische Vorschläge konzentriert war. Wir hatten auch gehofft, dass die Frage, was inhaltliche Eckpunkte der IL-Politik sein könnten, stärker Gegenstand der Diskussion sein würde. Diese Diskussion wurde in der IL im Vorfeld der Heiligendamm-Mobilisierungen abgebrochen, das haben wir bedauert. Unseres Erachtens war das auch für die Anti-G8-Aktivitäten und die Präsentation der IL dort nicht von Vorteil.
Über die bekannten Definitionen der von dir angesprochenen Begriffe hinaus wäre für uns etwa die Frage interessant, wie Organisierung mit inhaltlicher Intervention verbunden werden kann, wie wir also verhindern, dass wir die Erfahrungen der Organisierungsversuche der 90er Jahre wiederholen, erfolgreiche Organisierung oft verbunden war mit einem kleinsten gemeinsamen Nenner an inhaltlichen Positionen. Das mag damals seine Berechtigung gehabt haben, aber heute — wo die Kritik von Neolibalismus und Globalisierung doch eine gewisse Verallgemeinerung gefunden hat — sollte sich die Radikalität unserer Intervention auch in unseren inhaltlichen Positionen darstellen. Insofern plädieren wir für einen Begriff von politischer Handlungsfähigkeit, der sich nicht auf Mobilisierungsfähigkeit beschränkt. In unserem Sprachgebrauch ist „strategische Bündnisorientierung” nicht so wichtig wie die Orientierung auf tatsächliche, also die linksradikalen Grenzen hinaus reichende Bündnisse. Hier bemühen wir uns z.B. um die Entwicklung von Konzepten und Aktivitäten gemeinsam mit Leuten aus dem linksgewerkschaftlichen Spektrum.

SoZ: Tatsächlich hat auch mich irritiert, dass über den Begriff „strategisches Bündnis” gesprochen wurde ohne vorab zu klären, wofür man selber steht und was man damit erreichen will. Im Endeffekt läuft das auf eine Programmdiskussion hinaus. Meint ihr, dass alle Gruppen, die sich der IL zugehörig fühlen, eine solche führen wollen? Nicht nur die Theorie, auch die Praxis der Gruppen, die die IL bilden, sieht doch sehr unterschiedlich aus.
Susanne: Na klar sind in der IL ganz verschiedene Gruppen und Einzelpersonen, aber meiner Überzeugung nach gibt es tatsächlich eine interventionistische Strömung, die sich von anderen Strömungen der radikalen Linken unterscheidet, also ein Wir aus dem sich eine Binnenperspektive entwickeln kann, ohne die strategische Bündnisorientierung nach Außen zu verlieren. Von dieser interventionistischen Strömung ist in der IL auch nach Marburg immer noch nur ein Teil versammelt. Es gilt, unsere Gemeinsamkeiten zu erkennen und gemeinsam weiter zu entwickeln.
Von anderen Strömungen der radikalen Linken unterscheidet uns weder die Kritik an den herrschenden Verhältnissen, noch das Ziel. Deshalb gibt es da auch jede Menge Anknüpfungspunkte für eine enge, langfristige und vertrauensvolle Bündnisarbeit. Wir unterscheiden uns aber durch eine spezifische Haltung und strategische Orientierung in unserer Politik: tatsächlich radikalisierend in relevante gesellschaftliche Auseinandersetzungen eingreifen und nicht nur die eigene Radikalität ausdrücken. Das verstehe ich auch unter dem etwas sperrigen Begriff der Intervention. Neben der Haltung, die ich mit dem Begriff strategische Bündnisorientierung kennzeichnen würde, wäre das auch ein undogmatisches und taktisches Verhältnis zu Aktionsformen. Schließlich finden sich in der IL auch viele Gruppen zusammen, die tatsächlich arbeitsfähige und aktionsfähige Strukturen vor Ort haben. Lokale Verankerung ist die Grundlage für alle weiteren Entwicklungen.
Natürlich muss man in politischen Prozessen auch mal Dinge gemeinsam formulieren und aufschreiben. Wie z.B. in der Einladung zur Konferenz. Das kann man dann auch Programmdiskussion nennen — Hauptsache es kommt was dabei raus: die Punkte, die für eine gemeinsame Politik wichtig sind. Das bedeutet keineswegs den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, sondern mit der Theorie einen Schritt vor der Praxis zu sein und sich in einem kollektiven Prozess weiterzuentwickeln: Die Debatte über soziale Kämpfe mit dem Ziel, eine interventionistische Perspektive und ein neues Klassen(kampf)verständnis zu entwickeln, finde ich gut und wichtig — auch wenn die AG auf dem Kongress nicht so erfreulich war.

Katharina: Ich würde es nicht so einschätzen, dass alle Gruppen eine solche Debatte wollen. Einige befürchten m.E., sich in Diskussionen zu verlieren und damit „Interventionsfähigkeit” im Sinne von Mobilisierungsfähigkeit einzubüßen. Für einige scheint das auch die Konsequenz aus den Erfahrungen früherer Versuche linksradikaler Zusammenarbeit zu sein, die oft an inhaltlichen Grundsatzfragen gescheitert sind, deren „historische Tragweite” nicht weit über die internen Grabenkämpfe hinaus gereicht hat.

Andererseits würde ich denken, dass ohne inhaltliche Klärungen das eigene Projekt für Bündnispartner nicht attraktiv sein kann und die Gefahr besteht, in identitätspolitische Politikformen zurückzufallen. Bündnisfähigkeit bedeutet m.E. auch, dass die inhaltlichen Berührungspunkte herausgearbeitet werden müssen, sonst gelangt man nur wenig über instrumentelle Bündnisse hinaus — und kann damit auch kaum in gesellschaftliche Kräfteverhältnissen intervenieren.
Genau das war aber am Anfang der IL das Ziel: nicht nur punktuelle Kooperationen, sondern Kräfte sammeln für eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse nach links.

http://www.vsp-vernetzt.de/soz-0806/080605.php

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