Mayday 2008.II : ‚Den Spagat wagen ! Arbeitskämpfe, Gewerkschaften, Intervention‘ – Interview mit der Jungen Welt

Den Spagat wagen … Arbeitskämpfe und konkrete Kapitalismuskritik

JW: Die radikale Linke scheint die soziale Frage wiederentdeckt zu haben, nachdem dieses Thema in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt wurde. Woher kommt der Sinneswandel?
GSK: Durch die Globalisierungsbewegung, die Anti-Hartz-Proteste und , nicht zuletzt durch den durch den Erfolg der Links-Partei ist die ‚soziale Frage’ wieder in die gesellschaftliche Diskussion gerückt. Die Folgen des neoliberalen Kapitalismus werden weit über die Linke hinaus diskutiert. Zu Anzeichen für langsam schwindende Zustimmung kommen auch wieder offensiv geführte Arbeitskämpfe. Darin gibt es Anknüpfungspunkte für eine ‚konkrete Kapitalismuskritik’
JW: Ihre Gruppe übt zwar Kritik an der derzeitigen Politik der Gewerkschaften. Sie sprechen sich aber trotzdem für eine strategische Zusammenarbeit aus. Wie ist dieser politische Spagat zu bewerkstelligen?

‚Strategische Zusammenarbeit’ trifft es nicht ganz. Gewerkschaften sind mächtige Akteure in den politischen Auseinandersetzung um Arbeitskämpfe, an ihnen führt kein Weg vorbei. Ihre Rolle schwankt je nach gesellschaftlicher Konstellation zwischen einer Integrationsfunktion und der Organisierung von Gegen-Macht.
Mit der Politik der Sozialpartnerschaft und der Anbindung an die Sozialdemokratie haben sie sich an das Funktionieren des Kapitalismus gebunden. Dieser Strategie wurde aber durch das Kapital der Boden entzogen. Angesichts der Krise suchen viele Gewerkschafter nach neuen politischen Strategien, die stärker auf Konflikte und Bündnisse mit sozialen Bewegungen setzten.
Für uns bedeutet das den Spagat zu wagen: Verbindungen suchen mit der Basis, Unterstützung betrieblicher Kämpfe – wo es geht Zusammenarbeit mit dem Apparat.

JW: Die Zusammenarbeit von radikalen Linken und Gewerkschaften ist meist von gegenseitigem Mißtrauen geprägt. Haben Sie Beispiele für eine gelungene Zusammenarbeit?
Die Suchbewegungen um ‚Gewerkschaft als soziale Bewegung’ sind bisher v.a. Diskussionsprozesse. Oft ist eine Zusammenarbeit mit Gewerkschaften auf Grund ihrer Konzentration auf Stellvertreterpolitik und einem geringen Interesse an sozialen Bewegungen schwierig. Längerfristig geht es darum eine unabhängige kämpferische Organisierung aufzubauen, die vom Gewerkschaftsapparat nicht ignoriert werden kann und die klassenkämpferischen Teilen der Gewerkschaften zu unterstützen. – dafür ist langer Atem und Bildung von gegenseitigem Vetrauen nötig. Aber auch die radikale Linke muss sich verändern: Sich gegen das radikale ‚Reinheitsgebot‘ – in politische Auseinandersetzungen verwickeln und als Gesprächspartner anbieten.
In Berlin geht es darum, einen Diskussions- und Organisierungsprozess um Arbeitskämpfe anstoßen, an dem sich Beschäftigte aus unterschiedlichen Bereichen, Teile der radikalen Linken, AktivistInnen inner- und außerhalb der Gewerkschaften beteiligen. Dabei geht es um die Unterstützung konkreter Arbeitskämpfe, aber auch um die Verbindung mit anderen sozialen Kämpfen z.B. von Erwerbslosen und MigrantInnen. Damit sind wir nicht alleine – es gibt viele Ansätze und kleinere spontane Unterstützungsaktionen, die aber noch weitgehend getrennt voneinander abliefen.

Wie kann es gelingen, linken Positionen auch innerhalb der Gewerkschaften wieder mehr Gehör zu verschaffen?
Wir müssen gemeinsam Fragen diskutieren, denen sich die Linke (inner- und außerhalb der Gewerkschaften) in einem veränderten Kapitalismus stellen müssen: Wie Gegen-Macht entlang transnationaler Unternehmen organisieren? Die Entwicklung internationalistischer Handlungsperspektiven gegen globale Konkurrenzverhältnisse und entschiedene Politik gegen nationalistische und rassistische Antworten auf zunehmende Konkurrenz und Unsicherheit. Dafür müssen sich Gewerkschaften sehr verändern: statt einseitig die Interessen bestimmter Beschäftigtengruppen gegen Konkurrenz zu vertreten, bisher wenig repräsentierte Gruppen wie MigrantInnen ohne Papiere bei der Organisierung unterstützen und mit ihnen gemeinsam Kampfperspektiven entwickeln die Konkurrenz und Lohnabhängigkeit selbst in Frage stellen.

http://www.gruppe-soziale-kaempfe.org

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: